Kevelaer retour oder die Heimkehr der Pilger von Lammersdorf in den Fünfzigern

In der Vergangenheit war die jährliche Pilgerfahrt nach Kevelaer ein herausragendes Ereignis, an dem die gesamte Pfarrgemeinde teilnahm. Aus jeder Familie war zumindest ein Mitglied unter den Pilgern. In freudiger Erwartung versammelten sich gegen Abend die Daheimgebliebenen an der Bushaltestelle am Bahnübergang, um die Pilger in die Kirche zu geleiten. 

Die folgende Geschichte beschreibt die Heimkehr der Kevelaerpilger in den 1950gern.


Glauben sie mir, jeder der das erlebt hat, wird mit leuchtenden Augen bestätigen, ja einen Schwur darauf leisten, dass es genau so gewesen ist, wie ich es nun beschreiben werde.

kevelaerpilger"Mamm, merr mosse jo, et ös Zett ..."
"Och watt, du böss en Dodderfott - ne et ös noch jenuch Zett; die konnt i/esch wenn et düster wi/et"
"Mamm, lur doch, et wi/et att düster"
„Schwisch!" 1

Wie jedes Jahr war die Pfarrgemeinde zur Pilgerfahrt nach Kevelaer aufgebrochen. Dieses Mal mit zwei Bussen, mit Pastor, Küster, Messdienern, Musik, den Brudermeistern; nichts fehlte, den äußeren Rahmen feierlich zu gestalten. Und wie immer wurden die Pilger mit Beginn der Dämmerung zurückerwartet.

"Mamm, jetz öss et ewer düster jenuch"
"Jösses nee - dat de Roh jist - joh, merr johnt. Böste ördentlich jeweische? Keim dich!" 2

Sie sehen, das Übliche halt. Ich erwartete meine Großtante Setta, Gott hab sie selig, eine Garantin für gelungene Überraschungen. Im letzten Jahr schenkte sie mir eine Fackel, im Jahr davor bekam ich eine Fackel. Dieses Mal bekomme ich ganz sicher ein Taschenmesser! Die üblichen Erinnerungsstücke aus Kevelaer waren gesegnete Kerzen und Rosenkränze, Fackeln und Marienbildchen. Ein Taschenmesser war nie dabei - doch sollte Kevelaer für ein kleines Wunder nicht gut sein?
An der Bushaltestelle haben sich die Daheimgebliebenen versammelt. Vorwitzige Kinder laufen den Bussen ein Stück entgegen, um diese jenseits der Kurve einen Deut früher gewahr zu werden als die Übrigen. Ein heftiges Fuchteln und Winken ist das Signal -

"Se koont, se koont!" 3

Gleich weitgereisten Pilgerschiffen legen die Busse in der Haltebucht an, die Türen öffnen sich und müde Pilger stolpern ins Freie. Als die Tante uns sieht, hellt sich ihr Gesicht auf. Wie eine Zauberin lässt sie die kleinen Andenken und Hilfsmittel aus ihrer Tasche erscheinen.
"Die gesände Keerz öss för dä Carl on demm sinnge Hoos, de Rusekranz öss för disch Martha und dat öss für disch!" 4
Und damit drückt sie mir -- sie ahnen es schon -- eine Fackel in die Hand."
Inzwischen hat sich eine Prozession gebildet, vorneweg die Musik, die Messdiener, der Pastor und dann die ganze Gemeinde, so zieht man singend und betend im Schein der Fackeln zur Kirche. Die Tore sind zu klein, man schubst und knupst sich in den bald überfüllten Kirchenraum. Unruhe allenthalben - jene können sich nicht setzen, diese können nichts sehen und anderen werden die Fackeln zerdrückt.
Zaghaft, doch immer stärker werdend, erklingt das Rosenkranzgebet. "Gegrüßet seist du Maria, voll der Gnaden".... Wie eine große Meditationsschaukel schwingt das Ave Maria von einer Seite des Kirchenschiffs zur anderen und Hektik und Unruhe verblassen.
Dann Stille. Der Priester, in feierlichem Chormantel, steigt die Stufen des Altars empor, hebt die Monstranz und wendet sich zu den Gläubigen:
"In nomine patris et filii et spiritus sancti..."
In diesen Segen fallen jubelnd und machtvoll Orgel und Bläser ein: "Großer Gott wir loben dich, ...." und vielstimmig brandet es auf: "Herr wir preisen deine Stärke, vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke..."
Durch das Volk geht ein Ruck, über Rücken und Arme läuft ein Prickeln. Die Wände des Kirchenschiffs scheinen sich zu weiten, die Wölbung scheint sich zu öffnen, die Kerzen strahlen heller. Es ist, als schwebe die ganze Gemeinde voller Begeisterung dem Himmel näher, eine Handbreit über dem Boden und wie von Zauberhand löst sich Alles, was einen jeden von jedem trennt, auf.
Das ist sie, die große Gemeinschaft, die große Communio.
Das Lied verklingt. Die Tore öffnen sich; verwandelt treten die Menschen ins Freie. Die letzten Akkorde der Orgel brausen über sie hinweg in Gärten und Gassen. Ich bin mit mir und meiner Fackel und dem ausgebliebenen Taschenmesserwunder im Reinen und sicher, dass es nicht nur die Orgel und die Bläser waren, die dieses Brausen erzeugten.

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Während diese Erinnerungen auftauchen schnarrt mir mein neunmalkluger Rabe – Ratio - ins Ohr:
"Du - ihr hab euch besoffen gesungen, du weißt es, gib es zu! Das mit dem Brausen - Kokolores, eine gewöhnliche Fußballplatz-Ekstase, ein paar Glückshormone, nichts weiter."
Ach, schwätz nur, alter Rabe! Hat es uns vielleicht nicht nach oben gerissen - statt irgendwo hin? Waren wir nicht dem Himmel ein Stück näher? Waren wir nicht, wenn auch nur für kurze Zeit, verwandelt statt besoffen?
Was erklärt denn deine Rede? - Klugscheißer!

©B.M.

Übersetzung des Dialekt-Textes
1) Mama, wir müssen gehen, es ist Zeit. Ach was, du bist ein Quälgeist – nein, es ist noch genug Zeit; die kommen erst wenn es dunkel wird. Mama, schau doch, es wird schon dunkel. Schweig!
2) Mama, jetzt ist es aber dunkel genug. Mein Gott -das du Ruhe gibst- ja, wir gehen. Bist du ordentlich gewaschen? Käm dich!
3) Sie kommen, Sie kommen!
4) Die gesegnete Kerze ist für Carl und dessen Husten, der Rosenkranz ist für dich, Martha und das ist für dich!

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